Freundlich begrüsst uns Jürg Zeller im Verkaufsraum, wo riesige Stapel fertiges Leder von verschiedensten Grössen, Farben, Dicken und Tierarten lagern. Es riecht etwas streng nach Häuten, Tieren, Säuren und Säften; die Luft schwebt schwer und ledern in den Werkstatträumen. Spinnweben allerorten zeugen von der Zusammenarbeit von Mensch und Tier – zaghaft durchdringt die Sonne die angestaubten Fenster. Kurzum: Man fühlt sich sofort wohl in den Räumen der Gerberei Zeller.

Die Haut weiter verwenden und ihr ein neues Leben geben

Das fast 200 Jahre alte Haus hat manche Haut gesehen. Tausenden von Tieren ist hier ein zweites Leben eingehaucht worden: Wenn das Tier tot, das Fleisch gegessen ist, die Knochen zermahlen oder entsorgt sind – dann lebt die Haut weiter und kommt als veredeltes Material in Form von Tasche, Schuh, Glockenriemen oder anderem wieder hinaus in die Welt. Ein Material, an das man sich schmiegen kann, das einen wie eine zweite Haut vor Regen schützt, worin man seine wichtigen Sachen verstaut. Zäh, samtig, stark, geschmeidig, unverwechselbar.

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Eine der letzten Gerbereien, die Leder herstellen

Die Gerberei Zeller in Steffisburg BE ist eine der zwei letzten Gerbereien in der Schweiz, die Leder herstellen. Aus der ganzen Schweiz kommen hier Strauss und Kuh, Stör und Wildschwein, Pferd und Gämse zusammen, werden eingesalzen, im Fass enthaart und gegerbt, zum Trocken aufgehängt, unter Walzen veredelt. 

Die Häute durchlaufen einen mehrwöchigen Prozess, bis sie als Material die Qualität erreichen, die man sich vom Leder wünscht. Jürg Zeller und seine Mitarbeiter Astrid Kühne und Andi Weiblen arbeiten mit teils hundertjährigen Maschinen – aber die vielen Häute, Felle und Leder zeugen nicht von einem Museum, sondern von einer produktiven Werkstätte.

Bis ein Leder fertig gegerbt ist, braucht es viele Arbeitsschritte:

Salzen: Die angelieferten Felle werden eingesalzen und warten gestapelt im Lagerraum auf die Verarbeitung.

Weichen: Als Erstes werden die Felle in einem rotierenden Holzfass mit Reinigungsmittel und viel Wasser gewaschen. Dabei lösen sich Schmutz und Salz, und durch das Einweichen werden die Häute geschmeidig. Dies dauert einige Stunden bis Tage.

Äschen: Im nächsten Fass baden die Felle von der Haut zum Leder in einer starken Lauge aus Kalk (Calciumhydroxid) und Schwefelverbindungen. Dabei lösen sich Fett und Haare. Früher wurde dazu Holzasche verwendet, daher die Bezeichnung «Äschen». Dieser Vorgang gilt nur für Leder, nicht für Felle.

Entfleischen: Die enthaarten Häute durchlaufen danach eine Maschine mit rotierenden Schabeisen, die Fleischreste und Untergewebehaut abschabt. Früher machte man das mit dem Scherdegen auf einem Gerberbaum.

Entkälken: In einem weiteren rotierenden Holzfass werden die alkalischen Häute mit Salz und Wasser wieder neutralisiert. Für Trommelhäute ist hier der Prozess beendet, diese werden nur noch getrocknet und sind dann einsatzbereit. Übrigens sind Steinböcke als Krafttier besonders beliebt für Trommelhäute.

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Gerben: Früher wurden die Häute in der Lohgrube zum Gerben eingelegt. «Lohe bedeutet Rinde auf Bärndütsch», erklärt Jürg Zeller. Verwendet wurde Eichen- und Fichtenrinde. Eine Tafel in der Werkstatt erinnert daran, dass es früher Pflicht war, beim Holzen die Rinde den Gerbereien abzuliefern und nicht als Brennmaterial zu nutzen. Heute kauft Zeller pulverisierte Baumrinde der Mimosa, einer Akazienart aus Südafrika, und Rinde des Quebrachos aus Brasilien. Drei Wochen lang ruhen die Häute in Holzfässern, derweil die Gerbstoffe eine chemische Verbindung mit den Hautfasern eingehen und sie haltbar und strapazierfähig machen. Von einer roh angelieferten Haut gewinnt man gewichtsmässig etwa 20 bis 30 % Leder. 

Egalisieren/falzen: Nach dem Trocknen (Abwelken) durchläuft das Leder weitere Maschinen, wie etwa Walzen, um das Leder geschmeidig zu machen. Mit Spalten oder Schleifen wird eine bestimmte Dicke des Leders erreicht.

Fetten und lickern: Sehr wichtig ist das Rückfetten des Leders, um die Geschmeidigkeit zu erhalten. Dies geschieht mit Fischtran und Rindsfett für Weichleder oder mit Paraffin für Zeugleder (z. B. für Glockenriemen).

Nachbearbeitung: Zum Abschmecken durchläuft das Leder noch ein paar weitere Prozesse: Die Glanzstossmaschine gibt der Oberseite einen Glanz, und die Narbenpresse und die Korkwalze bringen die natürliche Narbenmusterung des Leders besser zur Geltung. 

Seit fast 190 Jahren eine Gerberei

Das Haus und die Werkstatt wurden 1837 als Gerberei gebaut und seither immer als solche betrieben. «1991 habe ich den Betrieb vom Vater übernommen und führe ihn nun in fünfter Generation», erzählt Jürg Zeller. «Als ich die Berufslehre in Biglen BE machte, gab es noch viele kleine Gerbereien in der Schweiz.» Mittlerweile gebe es nur noch zwei Rotgerbereien in der Schweiz, eine davon sei seine. Zudem existieren noch zwei, drei Weissgerbereien, die Felle «lidern», also haltbar machen. Lehrstellen werden allerdings nirgends mehr angeboten.[IMG 6]

Gegerbt wird bei Zeller ausschliesslich mit pflanzlichen Stoffen. Dieser Gerbprozess dauert länger als die Gerbung mit Chromsalzen, die innert 24 Stunden abgeschlossen ist. Die Chromgerbung benötigt jedoch eine spezielle Kläranlage, die Zeller nicht hat.

Vegetabil, also auf pflanzlicher Bais, gegerbtes Leder ist gerade bei umweltbewussten Leuten im Trend. 

Gerben, lindern, einkaufen

Bei Jürg Zeller kann man Häute gerben, aber auch Felle lidern lassen oder die unterschiedlichsten Leder einkaufen: etwa für Glockenriemen, Schuhe, Taschen,

Schlüsselanhänger oder mehr. Pflanzlich geliderte Felle erscheinen auf der Hautseite etwas rosarötlich und sind von Hand waschbar – ideal für Kuschel-Schaffelle.

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